Green Book Kritik

Green Book – Eine besondere Freundschaft (2018) – Kritik

Darsteller: Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini, Don Stark

Regisseur: Peter Farrelly

Entstehungsjahr: 2018

Dauer: 131 Minuten

FSK: ab 6

 

Was wird erzählt?

Tony Lip (Mortensen), ein italienischer Familienvater aus dem Arbeitermilieu der Bronx arbeitet als Türsteher in angesagten New Yorker Clubs und Bars. Da es für die Miete nicht immer ausreicht, muss er sich auch mal bei einem Hot Dog-Wettkampfessen ein paar Dollar hinzuverdienen. Als der Club, für den er arbeitet, wegen Renovierung schließt, erhält er eine Anfrage für einen Job als Chauffeur. Auftraggeber ist der Afroamerikaner Don Shirley (Ali), ein begnadeter Pianist und gebildeter Gentleman, der für seine Konzerttournee im Jahr 1962 von New York in die Südstaaten für acht Wochen einen Begleiter sucht. Lip willigt in den gutbezahlten Job ein. Er soll dafür sorgen, dass Shirley, pünktlich und unbeschadet seine Termine wahrnimmt.

Mit grünem Buch in den Süden der USA

Wegbegleiter und Orientierungshilfe ist das von 1936 bis 1966 herausgegebene Negro Motorist Green Book. Darin sind Unterkünfte und Restaurants aufgelistet, in denen auch afroamerikanische Reisende willkommen sind und bedient werden. Die beiden unterschiedlichen Männer lernen sich im Verlauf der Reise besser kennen, sodass Lips anfängliche Ressentiments gegen Schwarze von Konzert zu Konzert weiter bröckeln. Dabei kommt es gleich mehrere Male vor, dass Lip auf souveräne Art seine Beschützerqualitäten anwenden muss, um Shirley aus den Fängen der Polizei oder gewalttätigen Gangs zu befreien. Werden Sie die Tour wie geplant zu Ende bringen …?

 

Lohnt sich das?

Auf jeden Fall. Vorausgesetzt man weiß, dass der Film vordergründig für gepflegte Unterhaltung steht und eher reduziert gesellschaftliche Themen wie Rassen- und Klassenkämpfe behandelt. Bei der Verleihung der Golden Globe Awards 2019 räumte Green Book den Preis für den Besten Film in der Kategorie Komödie und Musical ab (siehe auch -> Der Marsianer). Daneben wurden übrigens auch Ali als Bester Nebendarsteller und Farrelly (u. a.) für das Beste Drehbuch ausgezeichnet. Bislang stand Regisseur Peter Farrelly in langjähriger Zusammenarbeit mit seinem Bruder Bobby ausschließlich für brachial-absurden Klamauk à la Dumm und Dümmer, Verrückt nach Mary oder Die Stooges – drei Vollpfosten drehen ab. Mit Green Book, seinem zweiten Solo-Film nach Movie 43 (2013), legt der um zwei Jahre ältere Bruder nun einen seriöseren Gang ein und liefert einen durch und durch sauberen Film ab. Was jedoch keineswegs abwertend zu verstehen ist.

 

Reden ist Silber, Schweigen ist auch mal gut

Der Filmtitel verrät es bereits: Der Fokus ist voll und ganz auf das Zusammenspiel von Lip und Shirley gerichtet. Zwei Männer, die äußerlich und charakterlich scheinbar nicht verschiedener sein könnten. Und die sich ohne die berufliche Verbindung nie kennengelernt hätten. So sitzen die beiden nun in einem mintgrünen Cadillac und quatschen Sandwichs und Fried Chicken vertilgend über Gott und die Welt.

Das heißt, quatschen tut eigentlich nur Lip. Und zwar im besten italienischen Kauderwelsch, das mehr Wörter verschluckt, als dass einzelne Buchstaben den schiefen Mund halbwegs artikuliert verlassen. Während der distinguierte Dr. Don Shirley seine Worte – wohl auch deren Anzahl – mit Bedacht wählt und dabei nie laut, nie ausfallend wird. Überhaupt hat sich Shirley ziemlich gut unter Kontrolle. Auch wenn sich das im Laufe des Films noch ändert. Etwa wenn Shirley gelegentlich die Beherrschung oder sagen wir die Contenance verliert. Dabei jedoch eher auf die emotional normale Bahn gerät. In solchen Fällen ist dann der nach seinen vorhandenen Qualitäten ausgesuchte Kompagnon am Steuer behilflich.

 

Ziemlich gute Buddies

Erzählt wird das Modell einer Männerfreundschaft, wie wir es beispielsweise aus Ziemlich beste Freunde kennen. Hier allerdings mit vertauschten Rollen: Der wohlhabende, einem üblen südstaatlichen Rassismus ausgesetzte Gentleman, dort der reiche weiße Querschnittsgelähmte, der ebenfalls einen „andersfarbigen“ Fahrer plus X benötigt, um das Leben zumindest phasenweise neu gestalten zu können. Man könnte glauben, Regisseur Peter Farrelly hat sich den französischen Kinohit sehr genau angesehen und in seiner Erzählart und Stimmung behutsam auf Green Book übertragen.

Jedenfalls macht der Film Spaß. Woran das liegt? Da dürfen Sie genau ein Mal raten … Spätestens, wenn die beiden Protagonisten beginnen, eine Verbindung aufbauen, verfällt man auch als Zuschauer ganz empathisch dem sympathischen Spiel der beiden Schauspieler. Das ist über die gesamte Filmlänge zwar zu schablonenhaft und nicht ohne Klischees geraten. Wirkt aber trotzdem.

 

Mehr Easy Riders als Raging Bulls

Man sollte nicht gleich von Method Acting sprechen, wenn sich Viggo Mortensen als Tony Lip einen Wanst anfrisst, sodass es einem wilden Stier wie Robert de Niro schmeicheln würde. Aber Mortensens Spiel ist ausdauernd konsequent. Man nimmt ihm die Rolle, so wie er sie interpretiert, überzeugt ab.

Vielleicht legt Mahershala Ali in punkto Akzentuierung sogar noch ein Schippchen drauf. Ihm war für die Rolle des hochtalentierten Pianisten mit noblem Charakter bewusst, dass er sich in einen echten Klaviervirtuosen verwandeln muss. Sein Tastenspiel wird zwar von Kris Bowers (auch für den Score verantwortlich) „synchronisiert“. Das weiß man allerdings erst nach gründlicher Recherche. Gefühlvoll und professionell gleiten seine Finger über schwarz und weiß, sodass sich sein dreimonatiges(!) Üben im Ergebnis als perfekt authentisch erweist. Auch sonst sitzt jede seiner Gesten und die Körperspannung ist bis ins Detail beherrscht.

 

Was bietet der Film außer den famosen Schauspielerleistungen?

Green Book bietet unterhaltsamen Mainstream-Humor, der gefällig vorbereitet und inszeniert wird. Nicht immer unvorhersehbar, aber auch nie plump. In Anbetracht der Ernsthaftigkeit, die das Thema Rassenhass in den 60er Jahren (bis heute) mitbringt, mag an dieser Stelle ein kleiner Vorwurf angebracht sein. Der Film ist einfach nicht „dreckig“ genug, um ans Eingemachte gehen zu können. In Erinnerung bleibt vor allem die (Schlüssel-)Szene, als Don Shirley aufgrund seiner Hautfarbe nicht im gleichen Restaurant essen darf wie die weiße Gesellschaft, die ihm später auf der Bühne Beifall spenden soll.

Es ist kein Mississippi Burning entstanden, bei dem die Beziehung zweier kontrovers angelegter Figuren eher eine gut funktionierende Rahmenhandlung für den eigentlichen Plot über systematische Diskriminierung darstellt.

Aber das muss und will Green Book auch gar nicht sein. Hier wird nichts verfälscht, nichts glattgebügelt. Der Film nimmt sich die Freiheit, die persönliche Geschichte von Lip und Shirley in leichter Art zu erzählen. Das ist sein gutes Recht und funktioniert so gut, dass man sich von Szene zu Szene ein versöhnliches und harmonisches Ende wünscht. Während sich Pianist und Chauffeur zoffen und wieder versöhnen, werden die musischen Ansprüche auf höchstem Niveau erfüllt. Der Film ist detailversessen ausgestattet und hat aufgrund der stimmigen Requisiten, Bauten und Kostüme der 60er Jahre einen überzeugenden, da authentischen, Charakter.

 

Mein Fazit:

Aus dem Stoff hätte man viele unterschiedliche Geschichten erzählen können. Peter Farrelly hat sich für die Buddy-Variante entschieden. Das sehr wohlig stimmende Ergebnis gibt ihm recht. Langeweile kommt in über zwei Stunden keine auf. Das liegt vor allem an zwei hervorragenden Schauspielern, die die Geschichte tragen. Südstaatenrassismus aus den 60er Jahren at its worst. Daran zu erinnern, ist bleibend wichtig – auch wenn hier eine moderate Version entstanden ist. Viggo Mortensen alias Tony Lip ist im Schnellverfahren geläutert. Don Shirley (Mahershala Ali) reicht ein Zwei-Monats-Seelen-(S)Trip, um bei sich selbst anzukommen. Dennoch: Dieser Film macht „einfach“ Laune. Umso mehr, als die darin enthaltende Musik den Kinospaß mit Leichtigkeit und hoher Kompositionskunst vollendet.

Kein zeitgeschichtliches, filmisches Mahnmal. Dafür unterhaltsames Schauspielkino mit jeder Legitimation.

 

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