Blue Jasmine Kritik

Blue Jasmine (2013) – Kritik

Darsteller: Cate Blanchett, Alec Baldwin, Sally Hawkins, Peter Saarsgard, Bobby Cannavale

Regisseur: Woody Allen

Dauer: 98 Minuten

 

Was wird erzählt?

Jasmine (Cate Blanchett) kreuzt bei ihrer Adoptivschwester Ginger (Sally Hawkins) in San Francisco auf und bittet um vorübergehenden Unterschlupf. Ihr Mann (Alec Baldwin) hat sich aufgrund seiner illegalen Geschäfte im Gefängnis das Leben genommen, womit das üppige New Yorker Upper-East-Side-High-Society-Leben des nach außen glänzenden Ehepaares ein abruptes Ende fand. Jasmine will im Golden State der amerikanischen Westküste ein neues Leben beginnen. Dabei bringt sie kurzzeitig den Alltag und das Liebesleben ihrer von Grund auf verschiedenen Schwester durcheinander und hat selbst große Mühe, sich auf die längst eingetretenen Veränderungen einzulassen. Bis ihr schließlich der wohlhabende Diplomat Dwight Westlake (Peter Sarsgaard) einen Heiratsantrag macht…

Last exit: Sehnsucht

Thematisch greift der Film das Bühnenstück „A Streetcar Named Desire“ von Tennessee Williams auf. Statt New Orleans heißt es hier „Californication“, die illegalen Geschäfte an der Ostküste ersetzen den damaligen Untergang des Geldadels in den Südstaaten.

 

Lohnt sich das?

Blue Jasmine – Kritik: Cate Blanchett hat für ihre Darstellung 2014 den Oscar gewonnen. Und dies völlig zu Recht. Denn es macht Spaß, diesem launischen Charakter beim sozialen, psychischen und physischen Abstieg zuzusehen. Es gab zweifelsohne schon sympathischere Hauptrollen und Helden. Aber Cate Blanchett zieht über 98 Minuten seelisch blank – und zeigt sich im Verlauf des Films im wahrsten Sinn mehr und mehr ungeschminkt. Blanchetts intensives Spiel hat Sogwirkung. Man merkt ihr an, dass sie sich der Rolle mit Haut und Haaren hingibt und es ist nur schwer vorstellbar, dass sie die Figur Jasmine Francis für die Dauer der Dreharbeiten komplett ablegen konnte. Gleichzeitig weiß sie jedoch zu dosieren. Woody Allen mag seinen Teil dazu beigetragen haben, sodass ihre Darstellung frei von Overacting und demzufolge authentisch bleibt.

Ganz gleich wie pathologisch ihr Verhalten auch erscheint – diese Ambivalenz, nämlich einer offen zur Schau gestellten Hilfsbedürftigkeit mit einem ruckartigen Fluchtreflex begegnen zu müssen, verfolgt den Zuschauer bis zum Ende des Films. Jasmines Weg in eine (ungewisse) Zukunft ist komplikations- aber auch abwechslungsreich.

 

Cate Blanchett als Stadtneurotikerin de luxe

Trotzdem zuckt man bei jeder ihrer Begegnungen mit der Außenwelt innerlich zusammen. Zu unbeholfen, zu unverschämt oder einfach zu direkt drückt sie ihrem Gegenüber eine meist inadäquate Laune auf. Das hat natürlich seinen Reiz, denn neben vielen Rückblenden auf das vermeintlich geordnete Leben davor, bleibt es spannend, ob und vor allem wie sich Jasmine gegenwärtig ein neues Leben aufbauen kann. Ihr bisheriges an Heuchelei und Scheinheiligkeit kaum zu überbietendes High-Society-Dasein wurde mit dem Selbstmord ihres Mannes mit begraben. Was ihr jetzt noch bleibt, ist allenfalls ein wenig Überheblichkeit gepaart mit Täuschungen und Lügen. Das macht die Sache für sie insgesamt nicht besser. Dies selbst registrierend, wirkt sie beinahe einsichtig desillusioniert. Aber deswegen gleich aufgeben …?

Vor der Hoffnung stirbt die Zuversicht

Blanchetts trägt die schwere Last des Filmstoffs mit selbstbewusster Leichtigkeit. Der Spagat zwischen routiniertem Kameraflirt und verletzlicher Authentizität gelingt ihr scheinbar mühelos. Aber auch ihre Schauspielerkollegen geben mit Erfolg ihr Bestes. Sally Hawkins etwa als ihre Adoptivschwester Ginger erinnert unweigerlich an die Figur Polly, ihre Paraderolle aus „Happy-Go-Lucky“. Gern ein wenig naiv, dabei offen wie ein Buch und ständig zwischen bedürftig und dominant hin und her pendelnd. Oder Alec Baldwin als Jasmins korrupter Ehemann, der spätestens mit der TV-Serie „30 Rock“ eine gefestigte Ruhe und Reife in seinem Spiel gefunden zu haben scheint, hätte man sich noch prägender für die Geschichte gewünscht. So bleiben Figur und Darstellung nur halb-intensiv und die nötigen Fakten um seine Person werden leider nur solide abgearbeitet.

Bobby Cannavale als Gingers Verlobter Chili tritt dagegen dominanter auf und gleichzeitig das schwerste Erbe an, das man sich als Schauspieler vorstellen kann: Er übernimmt die Rolle des Kowalski, der in „Endstation Sehnsucht“ von niemand Geringerem als Marlon Brando gespielt wird.

Cannavale spielt den Aufpasser, der jeden (Fehl-)Tritt seiner Schwägerin genau beobachtet – und ihr jeden Fauxpas bretthart aufs Brot schmiert. Er ist Gingers Beschützer, den man sich als Zuschauer wünscht. Mit zunehmender Dauer verliert sein Beschützerinstinkt jedoch an Wirkung, sodass Ginger ebenso wie ihre Schwester auf dumme Gedanken kommt und sich partnerschaftlich anderweitig ausprobiert. Chilis entwaffnende Art verbraucht sich gen Ende beinahe mitleidserregend, was auch an Gingers neu gewonnener resoluten Einstellung zu sich selbst liegt. So stellt sich im weiteren Verlauf die Frage, wer dominiert hier wen und wer ist eigentlich der „Gewinner“. Und: Was gibt es überhaupt zu gewinnen …?

 

Mein Fazit:

Woody Allen kreiert mit seinem Film Nr. 43 Schauspielerkino vom Feinsten. Schon wieder und wenig überraschend – sucht man in seiner Filmografie doch eher vergeblich nach Special Effects und krachenden Showdowns. Dieser Film macht jedoch vor allem dank seiner beiden Darstellerinnen Spaß. Der Lohn für eine der beiden: der verdiente Oscar für Cate Blanchett in „a leading role“. Besser geht’s nicht. Ähnlich wie in „Match Point“ (2005) lässt er Anspruch und Wirklichkeit in Gestalt von Gesellschaftsschichten, die sich geradezu diametral verhalten, aufeinanderprallen. Das ist im Ergebnis tragisch komisch und derart amüsant, sodass wir im Kino das Schmunzeln gegen ein echtes Lachen eintauschen. Das ist kein Woody Allen der ’70er, es ist ein Film aus dem neuen Jahrtausend. Und in dem kann er es auch.

 

Blue Jasmine – Kritik: Wir verabreichen 8 von insgesamt 10 Beruhigungsspritzen.